Ausgewählte Predigten

Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis 2010 (18. Juli) über Apostelgeschichte 2, 41-47

Liebe Gemeinde,
in der vergangenen Woche haben die Menschen in unserem Nachbarland Frankreich ihren Nationalfeiertag gefeiert. Jedes Jahr zum 14. Juli gibt es beeindruckende Feierlichkeiten mit der großen Militärparade auf den Champs-Elysées, einem gigantischen Feuerwerk am Abend, viel Musik, Tanz und natürlich Rotwein. Unsere Nachbarn erinnern an den Sturm auf die Bastille und die damit beginnende französische Revolution im Jahr 1789. Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit, das sind die Schlagworte, die wir mit dieser gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzung verbinden.
Dabei wissen wir und natürlich auch die Franzosen, dass der Sturm auf die Bastille nicht nur die Befreiung einer Hand voll politischer Gefangenen bedeutete, die dort mehr oder weniger vergessen worden waren. Sondern auch den Beginn einer riesigen Schlächterei, für die eigens die Guillotine erfunden wurde, damit die Köpfe schneller und wohl auch weniger schmerzhaft rollen konnten. Zwanzig Jahre nach der Revolution waren Freiheit – Gleichheit und Brüderlichkeit zwar immer noch die führenden Parolen, aber der kleine General Bonaparte hatte sich eben auch inzwischen zum Kaiser gekrönt und Europa in ein Schlachtfeld verwandelt.
Dennoch – heute, gut 220 Jahre nach dem 14. Juli 1789 leben die Franzosen und mit ihnen fast ganz Europa in einer gefestigten Demokratie. Ohne die französische Revolution wäre die Entwicklung, die Europa und auch die Vereinigten Staaten von Amerika gemacht haben, sicherlich nicht denkbar gewesen. Und so schauen die Franzosen am 14. Juli zu Recht feiernd auf dieses Datum zurück.

Heute schauen auch wir mit unserem Predigttext auf eine besondere geschichtliche Zeit zurück. Und wenn hier auch nicht von „Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit“ die Rede ist – in der theologischen Literatur spricht man über diese Zeit vor 2000 Jahren auch vom „urchristlichen Kommunismus“. Ich lese in der Apostelgeschichte im 2. Kapitel:

Die nun das Wort des Petrus annahmen, ließen sich taufen. Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.
Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.
Eine wunderschöne und verlockende Vorstellung, dass christliche Gemeinde einmal so ausgesehen hat. Alle, die etwas haben, teilen so, dass für alle genug da ist. Gemeindeleben beläuft sich nicht auf gelegentliche Begegnung im Gottesdienst und vielleicht in der Mitwirkung in einer Gemeindegruppe. Der Alltag wird miteinander geteilt. Alle sind für einander da, keiner ist allein. Täglich trifft man sich, um gemeinsam zu essen und Gottesdienst zu feiern. So fröhlich, zugewandt und herzlich erlebt die Umwelt diese christliche Gemeinde, dass sie überaus beliebt ist beim Volk und dadurch ständig wächst.

Toll, kann man da nur sagen. Und gleichzeitig feststellen: von solch einem Gemeindeleben sind wir weit entfernt.

Aber – so müssen wir uns, denke ich, ehrlich fragen – ist es auch eine realistische Vorstellung, dass Gemeinde so funktionieren kann? Gibt es denn sonst Belege dafür, dass es wirklich so war, wie Lukas es beschreibt?

In der Tat herrscht bei den Neutestamentlern unter den Theologen wohl eher die Neigung, dieses Bild, das Lukas da zeichnet, für eine Beschönigung zu halten. Aber so weit muss man ja gar nicht unbedingt gehen. Fest steht jedenfalls: auch schon zur Zeit, als Lukas seine Apostelgeschichte aufgeschrieben hat, ist solch ein Gemeindleben schon Geschichte. Nicht erst im Jahr 2010 schauen wir staunend und vielleicht auch etwas neidisch auf diese urchristliche Gemeinde. Auch im Jahr 70, um das wir die Niederschrift der Apostelgeschichte datieren, sah es längst anders aus. Dafür geben die Paulusbriefe ein beredtes Zeugnis.

Denken wir nur an die Verhältnisse in Korinth. Dort muss Paulus ja gerade mit scharfen Worten anprangern, dass die Gemeinschaft völlig am kaputt gehen ist. Weil die Reichen wieder unter sich essen und nicht auf die Sklaven warten, die eben noch bis spät arbeiten müssen.
Die Gemeinde in Ephesus wird ermahnt, doch die Einigkeit im Geist zu bewahren. Und die Galater müssen sich eine Standpauke anhören, weil sie das gemeinsame Essen mit den Heidenchristen in Frage stellen und somit von echter Gemeinschaft nicht die Rede sein konnte.

Warum erzählt Lukas also von dieser anscheinend kurzen Zeit, in der die Gemeinde wie ein leuchtendes Vorbild der Gemeinschaft lebte und wirkte? Und warum lesen wir heute diesen Text? Um zu seufzen und zu sagen: toll, aber für uns als volkskirchliche Gemeinde leider völlig unerreichbar? Oder um einzustimmen in einen Abgesang auf die Kirche, von der angeblich keine Impulse mehr ausgehen und die daher nur am Schrumpfen ist?

 

Beides bringt uns meines Erachtens nicht wirklich weiter. So wie im Feiern des 14. Julis ja auch immer ein kritischer Blick auf den aktuellen Zustand der Demokratie gerichtet wird, um diese zu stärken und weiterzuentwickeln, so ist es hilfreich, wenn wir uns durch diese kurze Beschreibung eines Idealzustandes zu einem Blick auf unsere eigene gemeindliche Praxis genötigt fühlen, der uns nicht entmutigt. Sondern der uns erkennen lässt, wo wir heute, 2000 Jahre später, immer noch Gemeinde sind, in der Menschen der frohen Botschaft, dem Evangelium begegnen. Durch die Gemeinschaft mit den anderen Glaubenden. Durch die Feier des Gottesdienstes und der Sakramente Taufe und Abendmahl. Wenn wir erkennen, wo uns das als Gemeinde gelingt, da können wir mit diesem Wissen fröhlich daran gehen, das Gelingende zu bestärken und auszubauen.

„Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ das sind die drei Begriffe, die wir mit der französischen Revolution in Verbindung bringen. Gütergemeinschaft, Tischgemeinschaft und Lebensgemeinschaft – mit diesen Stichworten lässt sich vielleicht beschreiben, wie Lukas die urchristliche Gemeinde geschildert bekommen hat.

Sicherlich sind wir von dieser Form der Gütergemeinschaft, wie Lukas sie beschreibt, weit entfernt. Auch wenn es immer wieder Menschen gibt, die sich tatsächlich von dem trennen, was sie besitzen, und den Erlös Bedürftigen zur Verfügung stellen – die Regel ist das natürlich nicht.

Aber trotzdem lebt gerade unsere volkskirchliche Gemeinde von der finanziellen Solidarität. Die vielgescholtene Kirchensteuer ist dabei ein ganz wichtiges Instrument. Eine Gemeinde hier bei uns in Baden bekommt für jedes ihrer Gemeindeglieder eine bestimmte Zuweisung aus Mitteln der Kirchensteuer. Und dabei spielt es keine Rolle, wie viel die Gemeindeglieder in den gemeinsamen Topf einzahlen. Also eine Gemeinde, in der viele Gutverdienende leben, die viel Kirchensteuer bezahlen, bekommt nicht mehr an Prokopfzuweisung als eine Gemeinde, in der viele Menschen ohne Verdienst zuhause sind. Anders als in Kirchen, in denen jede Gemeinde für ihren eigenen finanziellen Rahmen sorgen muss, sind Pfarrer und Älteste nicht in der Versuchung, den Gutsituierten mehr zu umwerben als den Habenichts.

Bei ihrem Besuch hier in ihrer Heimat sagte mir vor kurzem eine Frau, die seit einigen Jahren mit ihrer Familie in den USA lebt: „Wissen Sie, in Amerika läuft jeder Gottesdienst am Ende darauf hinaus, dass der Geldschein im Klingelbeutel landet“. Ich weiß nicht, ob das stimmt, und natürlich geht auch bei uns ohne Klingelbeutel gar nichts, aber die Wahrnehmung dieser Frau hat mich doch nachdenklich gemacht. Die Solidarität, die wir durch die Kirchensteuer erfahren – die übrigens auch von vielen Menschen gezahlt wird, die kaum oder gar nichts mit Kirche am Hut haben – diese Solidarität bedeutet ein Stück Freiheit.
Kirchcafé, Gemeindefest und Eintopfessen am Erntedankfest – immer wieder versuchen wir, Menschen unserer Gemeinde an einen Tisch zu bringen und Tischgemeinschaft zu schaffen. Viele lassen sich gerne einladen. Und wenn wir Menschen finden, die ihre Hilfe anbieten, dann können wir gerade das Kirchcafé nach dem Gottesdienst auch öfter veranstalten als nur ein Mal im Monat. Ich finde es auch immer schön zu sehen bzw. zu hören, wie sich Leute nach oder vielleicht auch manchmal während des Gottesdienstes verabreden. Um hinterher noch auf dem Marktplatz zusammen zu essen oder einen Kaffee zu trinken.

Genauso wichtig finde ich aber auch, dass das Abendmahl in unserer Gemeinde so einen großen Stellenwert besitzt. Es ist ja nun wirklich noch nicht so lange her, da haben wir Evangelischen Abendmahl nur an ganz besonderen Tagen des Kirchenjahres gefeiert. Mit todernster Mine und möglichst auf nüchternen Magen. Wenn es auch bei uns feierlich zugeht – es herrscht meistens eine fröhliche Feierlichkeit, ein Genießen dieser ganz besonderen Atmosphäre, wenn wir in diesem unglaublich schönen Chorraum miteinander feiern, dass Gott sich in Jesus Christus uns verbündet hat. Für immer und ewig.

Diese Tischgemeinschaft findet einen besonderen Höhepunkt, wenn wir am Gründonnerstag in der Providenzkirche die Einsetzung des Abendmahls mit einem leckeren Abendessen begehen. Vielleicht könnten wir solche Tischabendmahle noch öfter feiern und damit dem Ideal der Urgemeinde ein Stück näher kommen.

Lebensgemeinschaft – sie ist vielleicht der wundeste Punkt, auf den wir stoßen, wenn wir von unserem Predigttext aus auf unserer gemeindliches Leben schauen. Es macht mich traurig, wenn ich von einem ganz treuen Gottesdienstbesucher höre: wochenlang bin ich nicht mehr in die Kirche gekommen, und niemand hat gefragt, warum.
Das darf nicht passieren. Da müssen wir alle aufmerksamer sein, damit niemand aus unserem Gottesdienst geht und das Gefühl hat: es spielt für die Anderen überhaupt keine Rolle, ob ich da bin oder nicht.

Ermutigend finde ich auf der anderen Seite, dass Menschen, die nicht zu unserer Gemeinde gehören, dennoch den Eindruck haben: in der Altstadtgemeinde existiert eine Gemeinschaft, die trägt. Da ruft mich eine Frau aus der Nachbarschaft an, die sich um eine andere Frau aus ihrer Hausgemeinschaft Sorgen macht. In der Erwartung, dass in dieser Gemeinde Menschen zu finden sind, die sich um diese Frau bemühen werden und ihr helfen können. Und ich bin froh, dass diese Erwartung erfüllt worden ist.

Und ich denke auch an das ganze diakonische Handeln unserer Kirche und auch unserer Gemeinde. Gestern hat wieder das Mittagessen für Nichtsesshafte und Bedürftige stattgefunden. Durchgeführt von Menschen unserer Gemeinde. Finanziert auch von Ihrer aller finanzieller Unterstützung.


Das alles sind nur Beispiele dafür, dass wir nicht verzweifeln brauchen, wenn wir unseren Predigttext lesen und auf unsere Gemeinde und unsere Kirche insgesamt schauen. Das Gelingende sehen wir manchmal zu wenig, wenn wir unsern Blick auf die Defizite richten. Das tut uns nicht gut.

Es sind Dankbarkeit, Fröhlichkeit und hoffnungsvolles Vertrauen in Gottes Gegenwart, die aus uns eine Gemeinschaft machen, die Wohlwollen findet beim ganzen Volk. Uns bleibt schließlich die große Bitte, dass Gott selber täglich Menschen zur Gemeinde hinzufügt, die mit uns glauben, mit uns leben und Gott feiern. Amen.

Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez