Die aktuelle Predigt

Predigt am Palmsonntag 2010


"Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zeugen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“
(Philipper 2,5-11)

 

Vor langer Zeit lebte in einer Stadt in Russland ein Rabbi. Von diesem Rabbi erzählten sich die Leute, dass er jeden Morgen vor dem Frühgebet zum Himmel aufsteige. In der gleichen Stadt wohnte ein Mann, der lachte darüber. „Ich werde den ganzen Schwindel aufdecken", sagte er. Und er legte sich frühmorgens noch vor dem Sonnenaufgang beim Haus des Rabbi auf die Lauer.
Und tatsächlich: ganz früh am Morgen verließ der Rabbi sein Haus. Er hatte sich als Holzknecht verkleidet und ging in den nahegelegenen Wald. Der Mann folgte ihm vorsichtig und beobachtete genau, was der Rabbi tat: der fällte Holz und hackte es in Stücke, er lud sich das Holz auf den Rücken und schleppte es in das Haus einer armen Frau. Die war alt und krank. Der Mann spähte vorsichtig durch das Fenster. Da sah er: Der Rabbi kniete auf den Boden und machte den Ofen an.
Als er in die Stadt zurückkam, fragten ihn die Leute: „Na, hast du den Schwindel aufgedeckt? Was ist denn nun dran an der täglichen Himmelfahrt des Rabbi?" Der Mann antwortete beschämt: „Der Mann steigt noch höher als bis zum Himmel.
(nach Gisela Hommel, Der siebenarmige Leuchter, München 1976,15)
 

Liebe Gemeinde,

die gerade erzählte Geschichte ist nur eine von vielen, besonders jüdischen, die davon berichten, dass der Himmel nicht irgendwo in unerreichbarer Ferne, sondern hier auf der Erde zu finden ist. Der erste Satz, mit dem der jüdische Wanderprediger Jesus im Markusevangelium, dem ältesten Evangelium, zitiert wird, lautet: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.
Die erwartungsvolle Menge am Stadttor von Jerusalem, die erkannte in dem Mann auf dem Eselchen, dass Gott in seinem Messias unter ihnen Wohnung genommen hatte und begrüßte ihn mit ausgelassener Freude.
Im Christushymnus des Philipperbriefes besingen die Gläubigen, wie Gott sich in seinem Sohn Jesus Christus seiner göttlichen Majestät entäußert und den Menschen gleich wird.
Gott unter den Menschen, der Himmel auf Erden. Eigentlich doch perfekt! Heute am Palmsonntag könnten wir doch einstimmen in den fröhlichen Ruf: Hosanna, gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Stattdessen verzichten wir in der Liturgie auf das Gloria und auf das Halleluja. Wir hätten allen Grund zur Freude, dass Gott aus der Unerreichbarkeit in unsere Mitte gekommen ist, aber wir lassen die Osterkerze dunkel und spüren, wie uns der Jubel im Hals stecken bleibt.
Von Sonntag bis Freitag sind es nur fünf Tage. Vom Jubel zum hasserfüllten Geschrei nur ein paar Augenblicke.
Offensichtlich ist es gar nicht so leicht für uns Menschen, den Himmel auf Erden zu denken oder Gott in Menschengestalt zu akzeptieren. Und so ist es ja im Laufe der Kirchen- und Theologiegeschichte auch immer wieder zu den heftigsten Auseinandersetzungen gerade über diese Frage gekommen. Wie kann das sein, dass in Jesus Christus Gott und Mensch vereint sind? Und so wurde Jesus mal doch eher zum Überirdischen, von dem es nicht statthaft war zu denken, dass er wie jeder andere Mensch körperliche Bedürfnisse hatte, die er gestillt hat (Essen und Trinken war gerade noch erlaubt). Mal wurde Jesus dann wieder zum reinen tugendhaften Menschen, zum ethischen Vorbild, dem wir nacheifern sollen, mehr nicht.
Beide Auffassungen lassen Gott nicht Gott sein, wie er es will. Beide Überzeugungen wollen ihre eigenen Vorstellungen von Gott durchsetzen. Und genau das ist es ja, was Jesus ans Kreuz gebracht hat. Die Haltung: Ich, Mensch, weiß, wie Gott ist. Und ich sage dir, Jesus: du lästerst Gott, wenn du dich als sein Sohn ausgibst.
Gott sein lassen, wie er ist. Das schaffen wir offensichtlich nicht, wenn wir nur über ihn nachdenken. Wenn wir versuchen zu erklären, begreifen und zu verstehen. Natürlich gehört das dazu. Natürlich will auch unser Verstand sich mit Gott auseinandersetzen. Als Schriftreligion, als Religion des Wortes ist es unerlässlich, Gott auch zu denken. Darum spielt Bildung, die Fähigkeit, Lesen und Schreiben zu können so eine wichtige Rolle im Judentum. Und darum verwandte Martin Luther so viel Zeit und Energie darauf, den Menschen die Schrift zugänglich zu machen.
Aber so, wie wir Gott nicht mit Bildern festlegen sollen, so werden wir ihm eben auch nicht gerecht, wenn wir uns ihm nur über unseren Verstand nähern wollen. Dann stoßen wir an Grenzen, die uns den Blick auf sein Wesen verstellen. Die uns ganz schnell wieder dorthin führen, wo wir doch nicht hinwollen: zu der Aussage: Ich weiß, wie Gott ist. Und wenn er nicht in meine Vorstellungen passt, dann kann er nicht Gott sein.
In unserem Predigttext ist es darum auch eine ganz andere Form als die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Menschwerdung Gottes, die zu den wichtigsten Texten des neuen Testaments geworden ist. Es ist ein Lied, ein Lobreis, ein Ausdruck der Verehrung. Lobend und dankend nähern wir uns Gott auf eine Weise, die ihn sein lässt, wie er ist. Singend und betend setzte ich Gott zu mir, zu meinem Leben in Beziehung. Ich frage nicht mehr, wie sich sein Wesen erklären lässt. Ich danke ihm vielmehr dafür, wo er in meinem Leben zu finden ist. Wo ich sein Wirken erfahre.
Ich erinnere mich, wie ich am Sterbebett meines Vaters saß. Es war mir unbegreiflich, warum Gott uns nur drei Jahre nach dem Tod unserer Mutter nun auch den Vater sterben ließ. Ich war wütend, traurig, ausgebrannt. Dann habe ich angefangen zu singen, immer wieder von vorne: Die Nacht ist vorgedrungen, mein Lieblingsadventslied. Eigentlich habe ich es für meinen Vater gesungen, der das Lied wahrscheinlich gar nicht kannte und wohl auch nicht mehr gehört hat. Aber im Laufe der Nacht habe ich gemerkt, dass ich nach und nach, wenigstens ein kleines bisschen einwilligen konnte in das was so offensichtlich bevorstand.
Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht… Singend können wir mit Leib, Herz und Seele erfassen, was unserem Verstand, unserem Geist verborgen bleibt. Gott wird Mensch, leidet als Mensch, so, dass ich als leidender Mensch nie mehr alleine bin.
Paulus hat diesem Christushymnus, den er schon vorgefunden und in seinem Brief übernommen hat, einen etwas anderen Akzent gegeben. Er hat ihn herausgelöst aus seinem gottesdienstlichen Zusammenhang, dem in Verse gefassten Lobgesang einen deutenden Zusatz gegeben: Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht. Die Selbstentäußerung Gottes, die singend gelobt wurde, wird nun als vorbildliches Verhalten den Christen in Philippi vor Augen gestellt. So, sagt Paulus, so soll es auch unter euch sein. Keiner halte an dem, was er hat, krampfhaft fest. So, wie Gott auf seine Majestät verzichtet und Knechtsgestalt angenommen hat, so sollt auch ihr verzichten auf das, was ihr besitzt oder zu beanspruchen meint.
Paulus bringt damit noch eine weitere Dimension ins Spiel, wie wir uns dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes nähern. Neben die intellektuelle Auseinandersetzung und das anbetende Lob tritt mit der gleichen Wichtigkeit und Unverzichtbarkeit unser menschliches Handeln. Wo wir uns selber ganz auf die Seite der zu Knechten erniedrigten Menschheit stellen, da begreifen wir, warum Gott diesen Weg gegangen ist. Wo wir uns für Menschen einsetzen, denen es aus den unterschiedlichsten Gründen schlecht geht, da erleben wir, dass wir Gott an unserer Seite haben. Wo wir loslassen, hergeben und verzichten können, erfahren wir, was uns dadurch geschenkt wird an einem Reichtum, den uns materieller Besitz nicht geben kann.
In unserer Bereitschaft, den Weg Jesu mitzugehen lassen wir Gott sein, wie er ist. Deshalb gibt es eigentlich nur diese zwei Wege: entweder, ich sage: so ist Gott oder er ist vielleicht überhaupt nicht. Dann ist für Jesus kein Platz. Oder ich sage: Gott hat darauf verzichtet Gott zu bleiben, damit er Gott wird für mich. Dann führt mich der Weg in die Nachfolge Jesu.
Zu Beginn der Karwoche ist das ein schwer verdaulicher Satz. Der Weg in die Nachfolge Jesu ist ein Weg, der nicht vorbei führt an Leid und Kreuz, sondern mitten hindurch. Wahnsinn wäre das, diesen Weg zu gehen, wenn wir nicht wüssten, dass wir heute in einer Woche Ostern feiern. Verrückt und dumm wäre es, Jesus Christus als den menschgewordenen Gott zu besingen, zu loben und zu feiern, wenn Gott ihn nicht auferweckt hätte, ihn erhöht und ihm den Namen gegeben, der über allen Namen ist. Amen.
 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 


 

Predigt am Sonntag Septuagesimae 2010 (31. Januar)

Predigttext: 1. Korinther 9,24-27: "Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde."

Liebe Gemeinde,
bald beginnen sie wieder, die Olympischen Winterspiele. Für viele unter uns eine Zeit des vermehrten Fernsehkonsums, wenn es denn die Zeitverschiebung zulässt. Spannende Abfahrtsläufe, in denen einem allein beim Zusehen Hören und Sehen vergehen, wechseln sich ab mit bezaubernden Küren auf spiegelglattem Eis. Wir fiebern mit mit den Biathleten, die zwei so unterschiedliche Sportarten wir Skilanglauf und Schießen beherrschen und drücken den Rodlern die Daumen, die nur wenige Sekunden Zeit haben, eine Medaille zu gewinnen. 

Die Sportlerinnen und Sportler haben unglaublich hart trainiert, um das ersehnte Ticket nach Vancouver zu ergattern. Olympia, das ist immer noch die Königsdisziplin unter den vielen, vielen Wettkämpfen. Und natürlich hoffen alle irgendwie darauf, bei den Schnellsten und Erfolgreichsten dabei zu sein.

Das dies keine Erscheinung unserer schnellen Zeit ist, das liegt auf der Hand. Schließlich wurden die olympischen Spiele ja in der Antike erfunden. Und sicherlich haben die Korinther als erstes an den Stadionlauf in ihrer griechischen Heimat gedacht, als sie den Brief des Paulus gelesen haben.

Schneller, weiter, höher – irgendwie steckt das ja in uns Menschen drin. Und nicht nur in uns Menschen. Wenn ich auch leider viel zu wenig Zeit dafür habe – meine persönliche Lieblingssportart ist ja das Reiten, und eines ist sicher: die Pferde haben da genauso viel Spaß daran, ihre Artgenossen zu überholen und abzuhängen.

In den letzten Jahren hat der Sport mit seinen Möglichkeiten, die Kräfte und die Fähigkeiten zu messen, seine spielerische Leichtigkeit verloren. Der Ehrgeiz, immer noch schneller zu werden und zum Sieg zu kommen hat Menschen dazu verführt, auch zu unerlaubten Hilfsmitteln zu greifen. Nicht wenige haben mit ihrer Gesundheit dafür bezahlt. Viele Sportfans haben daher nicht mehr so die rechte Lust, die Wettkämpfe im Stadion oder vorm Fernsehen zu verfolgen.

Und so hören wir die Worte des Paulus vielleicht eher mit zwiespältigen Gefühlen. Das Bild, das er da gebraucht, ist für uns kein unbelastetes mehr.

Vielleicht liegt das leichte Unbehagen, das mich bei den Worten des Paulus beschleicht, aber auch daran, dass es irgendwie auf falsche Weise in unsere heutige Lebenssituation hinein trifft. Denn es stellt uns eine Lebensweise als ideal vor Augen, unter der ein Großteil von uns heute doch eher leidet.

Immer schneller, immer höher, immer weiter – dieser Anspruch ist ja längst aus der Sportarena in unser alltägliches Leben hinübergewandert. Immer mehr Kommunikation wird von uns gefordert – und wir haben manchmal morgens schon Horror, unseren elektronischen Briefkasten zu öffnen, weil uns eine Unzahl von Nachrichten erwartet, die alle möglichst sofort beantwortet werden sollen. So dass wir schließlich stundenlang vorm Computer gesessen haben und keine Zeit haben für ein echtes Gespräch mit der Kollegin oder unserem Partner.

Immer mehr wirken wir auf einander ständig am Rande unserer Leistungsfähigkeit oder sogar schon darüber hinaus. Abgehetzt von Termin zu Termin eilend fragen sich viele von uns, wie lange denn das noch so weitergehen kann. Als Studierende, die ihren Bachelor in drei Jahren ablegen müssen und an Stelle davon, sich mal richtig in eine Materie zu vertiefen, noch ein Praktikum leisten müssen. Als Schülerinnen und Schüler, die eben mal den Stoff von 9 Jahren Gymnasium in jetzt 8 Jahren lernen sollen und keine Zeit mehr für Sport oder das Erlernen eines Musikinstruments haben. Als junge Eltern, die zwischen Krippe, Beruf, Haushalt und Partnerschaft sich fragen, wo sie selber eigentlich noch vorkommen in ihrem Leben.

„Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.“

Ja, vielleicht müssen wir uns wirklich Gedanken machen darüber, wie wir laufen. Vielleicht müssen wir einfach mal stehen bleiben und uns wieder klar werden darüber, warum wir eigentlich laufen. Welches ist denn der Siegespreis, den wir empfangen wollen?

Eine gute Bildung. Das scheint momentan der Siegespreis schlechthin zu sein. Ausgehend von der wichtigen Erkenntnis, dass Bildung von existentieller Bedeutung für einen Mensch und eine Gesellschaft ist, hat in den letzten Jahren eine Debatte darüber begonnen, wie das Bildungsniveau in Deutschland verbessert werden soll. Gleichzeitig sind aber auch schon alle mal losgelaufen: Englischunterricht im Kindergarten, Kinder-Uni, G-8, Bologna-Prozess, Nachhilfeunterricht, Hochbegabten-Schulen – alle rennen um die Wette. Denn den Siegespreis, den kann eben nicht jeder bekommen.

Von einem unvergänglichen Kranz redet Paulus. Ist Bildung dieser unvergängliche Kranz?

Nun, zumindest ist Bildung nicht einfach gleichzusetzen mit Geld und materiellem Erfolg. Bildung ist ein ganz hohes Gut, weil es den Menschen Urteilsvermögen und Unabhängigkeit ermöglicht. Aber mein jüngster Sohn fragt doch auch schon ganz konkret, was man denn studieren muss, um Notar zu werden (in Klammern: damit er mal so viel Geld verdienen kann wie sein Onkel, der Notar ist).

Bildung, so wie sie momentan vermittelt und gefordert wird, hat eben nicht immer unbedingt den Menschen selber im Blick. Sondern seine Nützlichkeit für die Gesellschaft. Seine Fähigkeiten für eine leistungsstarke Wirtschaft. Seine Kompatibilität für eine sich immer schneller entwickelnde Berufswelt.

Und all die Bemühungen um mehr und frühere Bildung haben nicht dazu geführt, dass die Kinder, die bisher schon benachteiligt waren, in diesen Bildungsprozess einbezogen worden sind. Im Gegenteil. Immer noch haben Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien kaum eine Chance, am Wettlauf um den Siegespreis teilzunehmen.

Manchmal kommt es mir wirklich so vor, wie Paulus es beschreibt: das wir wie einer kämpfen, der in die Luft schlägt. Der wild um sich schlägt, hektisch, panisch und dabei immer ins Leere trifft.

Auch in der Kirche. Auch da haben wir es in den letzten Jahren versäumt, eine wichtige Weisheit zu beherzigen: wenn ich mit etwas Neuem anfange, muss ich mit etwas Altem aufhören. Und so haben wir uns ständig unter Druck gesetzt: hier noch eine Veranstaltung ansetzen, dort noch eine Idee verwirklichen, dieses beginnen aber jenes nicht lassen.

Und so ist für manche unter uns – Haupt- Neben- wie Ehrenamtliche – das Arbeiten in der Kirche zu einem Lauf geworden, der atemlos macht. Bei dem wir aus dem Blick verloren haben, dass wir nicht vielen verschiedenen Siegeskränzchen nachrennen sollen, sondern dem Einen unvergänglichen Siegespreis entgegen laufen.

Manch einer hat da schon mal dazwischen gerufen: Stopp! Anhalten! Nachdenken! Und ich bin dankbar für jeden, der uns da manchmal in die Parade fährt. Der uns in Erinnerung ruft: die Kirche ist doch zu allererst ein Mal ein Ort der Ruhe. Der Stille. Macht uns das nicht kaputt. Denn wenn nicht hier in der Kirche, wo haben wir denn sonst noch die Chance Stille zu erfahren? Nicht nur in der akustischen Stille des Kirchenraums. Sondern die Stille, in der wir alles aus unserer eigenen Hand legen. Uns in eine Haltung zu versetzen, in der wir ganz von uns selber und unserem eigenen Tun absehen und alles von Gott zu erwarten?

Ja, ich glaube dass der Siegespreis, der unvergängliche Kranz eben darin besteht: in der Erkenntnis, in dem Vertrauen, dass nicht ich meinem Leben Sinn geben muss, sondern dass mir dieser Sinn gegeben ist. Dass ich alles, was ich bin, nicht mir selber verdanke, sondern dem, der mein Leben gewollt hat und mich bedingungslos liebt. Der mich fähig macht, mich ihm ganz und gar hinzugeben, weil er sich selber für mich gegeben hat.
Dafür muss ich tatsächlich meinen Leib bezwingen und zähmen. Aufhören, alles selber schaffen zu wollen. Zu meinen, dass alles von mir abhängt. Der Siegeskranz besteht in der Gewissheit, dass Gott in Jesus Christus schon alles für mich getan hat. Er hat den Lauf gewonnen. In dem er bis zur letzten Konsequenz Gott treu geblieben ist.

Er hat den Lauf gewonnen. Für mich. Ich brauche mich nicht mehr abzuhetzen und wie wild in der Luft herumzuschlagen um meinem Leben eine Bedeutung zu verleihen. Die Bedeutung meines Lebens besteht darin, dass Gott mein Leben gewollt hat. Und sein eigenes Leben gegeben hat für mich.

In diesem Vertrauen, mit diesem Siegeskranz auf dem Kopf läuft es sich mit einer Leichtigkeit, die wir nie geahnt hätten. Sie lässt uns Abstand gewinnen zu allem krampfhaften Rennen, mit dem wir Ziele erreichen, an die wir eigentlich gar nicht wollen. Sie schenkt uns Gelassenheit, die uns davor bewahrt, in jeden Wettlauf einzusteigen und unser Leben als Hetzerei zu verbringen.

Ich freue mich schon auf die olympischen Winterspiele. Auf Spiele, bei denen erwachsene Menschen in hoffentlich kindlicher Freude ihre Kräfte und ihr Können messen. Ich genieße die Spiele mit einem guten Glas Rotwein und einer Tüte Chips auf dem Sofa. In der fröhlichen Gewissheit: den Siegeskranz, den habe ich schon. Amen.
 

Sigrid Zweygart-Pérez, Pfarrerin

Predigt vom letzten Sonntag nach Epiphanias (24.Januar)

 

 

Liebe Gemeinde,
„Nur was nicht aufhört, wehzutun, bleibt im Gedächtnis“, sagt Nietzsche. Man brennt etwas ein, damit es nicht vergessen wird. „Das ist ein Hauptsatz aus der allerältesten ... Psychologie auf Erden. ... Es ging niemals ohne Blut, Martern, Opfer ab, wenn der Mensch es nötig hielt, sich ein Gedächtnis zu machen“. Nötig ist das nach Nietzsche, wenn es um das Gedächtnis einer Gemeinschaft geht. Keine Gemeinschaft, keine Kultur, keine Religion kommt ohne ge-meinsame Erinnerungen aus. Der Kulturtheoretiker und Ägyptologe Jan Assmann spricht darum vom „kulturellen Gedächtnis“, und meint die Summe jener verbindlichen oder kano-nischen Erinnerungen, die eine Gemeinschaft bestimmt und aus der sich eine gemeinsame Identität ableitet.

Dafür gibt es viele Beispiele. Jedes Volk, jedes Land, jede Nation hat seine eigenen Erinne-rungen: „Masada darf nie wieder fallen!“ sagt man bis heute in Israel in Erinnerung an den Fall der Feste Masada im Jahr 73 nach Christus im jüdisch-römischen Krieg. Oder aber die Erinnerung an die Schlacht auf dem Amselfeld 1389 im Kosovo oder die Parole „Nie wieder Auschwitz!“ in Deutschland. Erinnerung ist eine Sache der Gemeinschaft und des Einzelnen, der sich erinnert, um dazuzugehören.

„Nur was nicht aufhört, wehzutun, bleibt im Gedächtnis!“ Es sind die Erinnerungen, die sich eingebrannt haben, vielmehr: die eingebrannt werden. Das kulturell Gedächtnis entsteht nicht von selbst, es wird „gemacht“. Es bedarf Denkmalsetzungen, Gedenktage mit Feiern und Kranzniederlegungen, Rituale, Fahnen, Lieder uns Slogans, das sind die Medien dieser Ge-dächtnisform.

Das gilt auch für alle großen Religionen. Nietzsche hat mit seinem Hinweis einseitig auf das Zwanghafte, Grausame solcher gemeinschaftlicher Erinnerungen verwiesen. Sie disziplinie-ren, binden den Einzelnen: „Religionen sind ... Systeme von Grausamkeiten!“ „Nur was nicht aufhört, wehzutun, bleibt im Gedächtnis!“

Wie aber ist es mit dem Abendmahl? „Dies tut zu meinem Gedächtnis!“, heißt es in den Ein-setzungsworten. Auch die Feier des Abendmahls ist eine Gedächtnisveranstaltung, in der ein gemeinsames kirchliches Gedächtnis gestiftet wird. Zur Austeilung sprechen wir die Worte: „Christi Blut für dich vergossen!“ – „Kelch des Heils!“ – und erinnern an die Geschichte Jesu Christi.

Bei unserer letzten Ältestenklausur haben wir uns über diese sogenannten „Spendeworte“ beim Abendmahl unterhalten. Eine Frage war, ob wir uns nicht einheitlich auf eine gemein-same Formulierung einigen sollten? Dabei wurde deutlich: Während einige vor der Grausam-keit der Formulierungen zurückschrecken: „Christi Blut für dich vergossen!“ oder „Christi Leib für dich gegeben!“ – waren anderen diese Worte wichtig. Aber: Was wird uns da „einge-brannt“ in unser Gedächtnis, wenn wir so beim Empfang von Wein und Brot erinnert werden? Welches Gedächtnis wird da „gemacht“ beim Abendmahl?

Stehen sich etwa in diesen beiden Formen der Spendeworte, zwei unterschiedliche Weisen der Erinnerung gegenüber?
Die eine verweist auf eine unerhörte Grausamkeit: den Tod Jesu, das Kreuz, sein vergossenes Blut, auf eine archaische Opfervorstellung, die für viele Menschen etwas Unnachvollziehba-res und Unannehmbares hat. „Nur was nicht aufhört, wehzutun, bleibt im Gedächtnis!“
Die andere hingegen lenkt den Blick auf das Positive, Heilvolle, das wir im Abendmahl fei-ern, erleben, empfangen. Ist es nicht eine rettende Erinnerung? Müsste man nicht Nietzsche widersprechen: „Nur was uns rettet und heilt, bleibt im Gedächtnis!“ Brauchen wir nicht gerade eine Gedächtniskultur der Versöhnung und der Gemeinschaft, die jene Gedächt-niskultur des Hasses und der Feindschaft überwindet? Also: „Kelch des Heils!“ – „Brot des Lebens!“

Der Berliner Theologe Klaus-Peter Jörns hat in seinem Bestseller „Notwendige Abschiede“ entsprechend gefordert, man müsse endlich dies altertümliche Vorstellung von Opfer und Sühne, von Blut und stellvertretendem Tod Jesu Christi überwinden und aufgeben. Jene grausame Erinnerung, die uns über Jahrhunderte und Generationen eingebrannt wurde. Man kann aber gleichwohl fragen, ob das nicht eine falsche Alternative ist, die hier aufgerichtet wird: hier die blutig-archaische Erinnung an Opfer, Blut und Sühne; dort das heilvolle Gedächtnis einer in Liebe und Vergebungsbereitschaft gründenden Gemeinschaft.

Auf unserer Klausurtagung konnten wir uns nicht einigen. Wir haben beschlossen, vorerst beide Formen der Spendeworte zu gebrauchen. Vielleicht auch als Ausdruck dafür, dass wir auf keine der beiden Erinnerungen verzichten können, nicht auf die schmerzhaften an den Tod Christi, an unsere Sünde und Schuld und den Preis ihrer Überwindung. Und ebenso wenig können wir auf die „guten“ Erinnerungen verzichten, an eine heilvolle, versöhnte und liebevolle Gemeinschaft des Lebens, die Jesus Christus gelebt und gestiftet hat. Aus dieser Diskussion entstand daher die Idee einer Predigtreihe über das Abendmahl in Verbindung mit Predigtgesprächen, zu denen wir die Gemeinde einladen.

Liebe Gemeinde, der Hinweis auf die Parallelen zwischen dem kulturellen Gedächtnis und dem Abendmahl macht deutlich: Es geht um mehr als bloße Erinnerungen. Hier wird nicht nur eine Geschichte vor dem Vergessen bewahrt. Das Abendmahl ist nicht nur Erinnerungsmahl im Andenken an Jesus. An diesem Punkt lag Zwingli falsch und zurecht hat Luther energisch Einspruch erhoben. Die Feier des Abendmahles ist nicht nur ein Akt der Erinnerung. Vielmehr werden wir selbst in dieses Gedächtnis mit hineingenommen und bekommen Anteil an seiner Wirklichkeit. Aber wie ist das möglich?

Zunächst ist es ja in der Tat so: Das Abendmahl verweist uns auf eine Geschichte, auf die Geschichte Jesu Christi. Das „Gedächtnis Christi“, das durch die Feier des Abendmahles be-lebt und erneuert wird, greift zurück und verweist auf die Überlieferungen des Neuen Testamentes. Jedes Element im Abendmahl, die Worte die gesprochen werden, die Handlungen, die ausgeführt werden, das geteilte Brot, der gemeinsame Kelch, all das weist hin auf vergangene Ereignisse, Worte, Geschichten. Dabei verbinden sich eine Vielzahl von Perspektiven: das Brot erinnert uns an die Tischgemeinschaft Jesu mit den Jüngern, mit Zöllnern und Sündern, mit Pharisäern und Schriftgelehrten, an die Speisung der Fünftausend, an das letzte Mahl mit den Jüngern, an das kommende himmlische Hochzeitsmahl. Und so ist es mit dem Brechen des Brotes, mit den Gebeten im Abendmahl, mit dem Kelch, dem Wein, der Gemeinschaft der Austeilenden und Empfangenden. Wir werden erinnert an das biblische Bild vom Weinstock, an den Verrat des Judas, an das Weinwunder in Kanaan. An jedem Wort, jeder Handlungen machen sich eine Vielzahl von Erinnerungen fest, die in eine vielfältige Wechselwirkung treten. Aus dieser Vielzahl von Bezügen erwächst die ganze Fülle des Lebens Jesu, seiner Äußerungen, seiner Absichten und seiner Handlungen. Immer wieder andere und neue Erinnerungen werden im Abendmahl aktiviert.
Es gibt schon darum nicht nur die eine, endgültige Bedeutung des Abendmahls. Und man kann immer unterschiedliche und neue Aspekte dieses Gedächtnisses hervorheben. Dabei erleben erschließen sich auch jeweils neue Aspekte unseres Glaubens und Christseins. Sie werden in Erinnerung gerufen, dargestellt und von den Feiernden erlebt:
die Dimension der Schöpfung in den Naturgaben Korn und Traube,
die Dimension der Gemeinschaft und der Kultur im gemeinsamen Teilen und Essen,
die Dimension der Vergebung, der Sühne und der Versöhnung im Hinweis auf Christi Tod, die Dimension der Hoffnung in der Zusage des Heils, im Friedensgruß.

Aufgrund dieses Reichtums entfaltet das Abendmahl in ganz unterschiedlichen Situationen und Formen immer wieder neu und auf vielfältige Weise eine ganz erstaunliche Kraft (Wir werden in den folgenden Predigten auf einige dieser Aspekte zurückkommen): Wir feiern es als Tischabendmahl an Gründonnerstag und erleben in besonderer Weise die Gemeinschaft Jesu Christi; im Feierabendmahl der Kirchentage wird es zum großen Fest, ein Stück Himmel auf Erden, eine Erinnerung an die Zukunft des himmlischen Hochzeitsmahles; in einem Beichtgottesdienst erleben wir die versöhnende Kraft des Abendmahls, den vergebenden Zu-spruch Jesu, der die Sünder einlädt; bei einer Trauung wird die Ehe eines jungen Paares hin-eingenommen in die Gemeinschaft mit Christus; in der Konfirmation wird das Abendmahl zum Bekenntnis und zur Befestigung des Glaubens; am Sterbebett gibt es Hoffnung mit Blick im Angesicht des Todes. Auch die beiden unterschiedlichen Spendeworte halten diese Viel-falt offen, bewahren die schmerzlichen und heilvollen Erinnerungen und den Reichtum dieses Gedächtnisses.

In all diesen Fällen bleibt es nicht bei einem Akt intellektueller Erinnerung. Die Geschichte Jesu wird nicht einfach erzählt, erklärt und ausgelegt. Vielmehr werden wir hineingenommen in dieses Gedächtnis Jesu Christi, wir erleben es mit. Als Feiernde werden wir ein Teil der Gemeinschaft Christi. Christen erleben eine Verschränkung der Zeiten: Was wir erinnern ist zugleich gegenwärtig. Wir erleben Christi Wirklichkeit, die Gemeinschaft seines Leibes, den Zuspruch der Vergebung, die Hoffnung seiner Verheißungen, die Wirklichkeit seiner Aufer-stehung und seines Lebens.

Ich erinner noch einmal an das „kulturelle Gedächtnis“. Bereits hier schafft das Gedächtnis eine soziale Wirklichkeit, an der Menschen teilhaben. Die Erinnerung an Auschwitz hat etwas für alle Deutschen Verbindliches – ich sage „Verbindliches“, weil es uns als Volk, als Nation verbindet: in einer gemeinsamen Erinnerung, einem gemeinsamen Selbstverständnis, das be-stimmt unsere Identität, unser Handeln, unsere Gegenwart. Es gibt uns als Deutschen eine Verantwortung. Es orientiert unser gemeinsames Handeln. Wir gestaltet aus dem Bewusstsein unserer Geschichte unsere Zukunft. Das gemeinsame kulturelle Gedächtnis - und dazu gehö-ren Luther und Goethe, die Schlacht im Teuteburger Wald ebenso wie Auschwitz – schafft einen kulturellen Raum, eine Wirklichkeit, die Gemeinschaft überhaupt erst ermöglicht und herstellt. Keine Volk kann ohne ein solches Gedächtnis und seine Pflege und Feier existieren.

Auch im Abendmahl erleben wir diese „Verbindlichkeit“, die Wirklichkeit dessen, was unser Gemeinschaft begründet und ermöglicht. Wir erleben sie konzentrierter, konkreter, existen-tieller noch als in der Auslegung eines Bibeltextes oder in der Verkündigung. Im Gedächtnis des Abendmahles ist diese Wirklichkeit Jesu Christi gegenwärtig da. Die Geschichte von den Emmausjüngern im Neuen Testament erzählt, wie zwei Jünger mit dem Auferstandenen Christus wandern, ohne ihn zu erkennen. Erst am Abend, als Christus ihnen das Brot bricht, erkennen sie Jesus.

Das lebendige Gedächtnis des Abendmahles, in dem sich der gekreuzigte und auferstandene Christus immer wieder neu zur Geltung bringt, verdankt sich dem Wirken des Geistes Gottes, des Heiligen Geistes. Er sorgt dafür, dass dieses Gedächtnis nicht zu einer bloßen Erinnerung herabsinkt, dass unsere Gemeinschaft nicht zerfällt. Darum gehören Erinnerung und die Bitte um den Heiligen Geist im Abendmahl zusammen. Achten Sie einmal darauf wenn wir das Abendmahl miteinander feiern: das große Eucharistiegebet am Anfang (nach dem Heiig, Hei-lig, Heilig) beginnt mit dem Gedächtnis an die großen Werke Gottes in Schöpfung und Ge-schichte und an die Einsetzung des Abendmahls, schließlich mündet es ein in die Bitte um den Heiligen Geist.

Hier wird deutlich: Das Gedächtnis Jesus Christi im Abendmahl ist nicht eine Machenschaft von Menschen, so sehr sie an ihm teilhaben und dazu beitragen. Es ist die Gegenwart des Auferstandenen in, mit und unter dem Brot und dem Wein, die wir miteinander teilen. In Ab-wandlung des Nietzschewortes sage ich: Nur das Abendmahl, das wir im Reichtum dieses Gedächtnisses und in der Gegenwart des Geistes Gottes feiern bleibt im Gedächtnis und hält uns in diesem Gedächtnis. Amen.

Martin Hauger, Pfr.

 

 

 


Literatur zur Predigt:

Jan Assmann. Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frü-hen Hochkulturen. München: 1999, 62007.

Michael Welker. Was geht vor beim Abendmahl? Gütersloh: 1999, 32004.

Klaus-Peter Jörns, Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christen-tum. Gütersloh: 2004, 42008.