„Wir müssen uns trauen, rauszugehen!“ – Kirche in der Stadt braucht neue Formen

Quelle: ekihd - Karin Wilke
von li: Steffen Jooß, Martin Heß, Sandra Grande, Martina Reister-Ulrichs und Gunnar Garleff freuen sich auf einen angregten Austausch
Heidelberg, den 24.01.2019. Wohin entwickelt sich die Evangelische Kirche in Heidelberg? Sind alle Veränderungsprozesse Abbauprozesse, Rückbau von Kirche oder Rückzugsszenarien zum Kern von Kirche? Antwort zu diesen Fragen gab der stellvertretende Dekan Gunnar Garleff in seinem gestrigen Vortrag „Kirche in der Stadt“ im Lutherzentrum. Dabei ordnete er die Strukturprozesse der Kirche von der KiTa-Strategie über die sich vollziehenden Gemeindefusionen bis hin zum Liegenschaftsprojekt ein in theologisch-geistliche Gegenwartsfragen. Es gehe darum, die Glut des Glaubens unter der Asche überkommener Strukturen neu zu entfachen.

„Neben den bewährten Strukturen braucht unsere Kirche frische neue Formen vor Ort, wir müssen uns trauen, rauszugehen zu den Menschen in unserer Stadt“, forderte Pfarrer Garleff in seinen Ausführungen. Dazu gehören sowohl neue Formen der Zusammenarbeit mit Diakonie und Stadtmission als auch mit der Stadtgesellschaft. „Unsere Kirche will eine freundliche, offene und ökumenisch verbundene sein, die sich ihrer Verantwortung für die Stadtgesellschaft stellt. Dazu gehört auch, Vertrautes loszulassen und gerade darin die Fülle des Lebens neu zu entdecken“, ermutigte der Dekanstellvertreter seine rund 100 aufmerksamen Zuhörer.

Quelle: ekihd - Karin Wilke
Rund 100 Zuhörer folgen gespannt dem Vortrag

Unter Leitung des Rundfunkjournalisten Lothar Bauerochse erhielt das interessierte Publikum im Anschluss Gelegenheit, aufkommende Fragen im Podium zu diskutieren. Mit dabei waren die Synodenvorsitzende Sandra Grande, der kommissarische Geschäftsführer der Evangelischen Kirchenverwaltung Steffen Jooß sowie der Geschäftsführer des Diakonischen Werks Martin Heß. Geäußert wurden Fragen nach einem möglichen Werteverlust von Kirche, wie man junge Menschen heute überhaupt noch an die „Institution“ Kirche binden kann, wo – wenn nicht im Gemeindehaus – neue Formen von Gottesdiensten stattfinden können und ob die angebotenen Formate heute noch adäquat seien. Aber auch ein besserer innerkirchlicher Dialog von unten nach oben wurde gefordert sowie eine stärkere Wertschätzung des ehrenamtlichen Engagements vieler ihren Gemeinden fest verbundenen Christen.

„Wir wollen mit Menschen dort über ihren Glauben reden und sie erreichen, wo sie sich in ihrer Lebenswirklichkeit befinden, das müssen nicht immer nur Kirchenräume sein“, erwiderte Synodenvorsitzende Sandra Grande. Ein Ziel der Fusionen von Gemeinden sei auch, neue personelle Freiräume zu schaffen für unterschiedliche Gottesdienstangebote. So werde es zukünftig für die im März fusionierten Gemeinden Christus, Luther und Markus eine Pfarrstelle speziell für „Kirche in neuen Formen“ geben, erläuterte Grande weiter.

Quelle: ekihd - Karin Wilke
Das Podium stellt sich den Fragen aus dem Publikum
Steffen Jooß, der als Verwaltungsdirektor der Evangelischen Kirche in Mannheim derzeit auch die Heidelberger Kirchenverwaltung kommissarisch leitet, wies darauf hin, dass sich Kirche als Teil der Gesellschaft stetig verändere, so hielten sich junge Menschen heute nicht mehr in Gemeindehäusern sondern im Internet auf. „Und trotzdem sind uns die Gemeindehäuser wichtig, wir müssen sie jedoch sowohl in ihrer Größe als auch ihrer Erscheinungsform ansprechender und damit kleiner und feiner gestalten. In diesem Prozess befinden wir uns gerade“, erläuterte Jooß das Liegenschaftsprojekt der evangelischen Kirche. Martin Heß, Leiter der Diakonischen Werks, fügte hinzu: „Das Diakonische Werk als Teil der EKIHD engagiert sich ganz konkret für die Menschen vor Ort, dabei sollten wir das Handeln von Kirche nicht auf Räumlichkeiten beschränken. Die Kirche mit ihren sozialen Angeboten und Diensten ist Teil unserer Stadt.“

Ursprünglich war der Termin vorgesehen für die Wahlsynode, auf der die vakante Dekanenstelle neu besetzt werden sollte. „Aber schon bei Festlegung des Termins im vergangenen Herbst war uns klar, dass eine solche Planung für eine Neubesetzung `sportlich´ ist und der Landesbischof mehr Zeit für Gespräche mit möglichen Kandidatinnen und Kandidaten braucht“, erläutert Synodenvorsitzende Sandra Grande. Stattdessen sollte der Termin nun genutzt werden, um mit Kirchengliedern und der Stadtbevölkerung ins Gespräch zu kommen über die gesellschaftlichen und kirchenpolitischen Herausforderungen und Umbrüche unserer heutigen Zeit.

„Wir wollen zeigen, wie der Spagat zwischen technisch-ökonomisch und hoher geistlich-theologischen Arbeit gelingen kann“, so die Synodenvorsitzende. Dass dieses Angebot bei der Zuhörerschaft auf offene Ohren stieß, zeigte sich in der regen Diskussion, die noch lange über das Ende der Veranstaltung hinaus forstgesetzt wurde. Ein erster Schritt hin zu neuen, offeneren Formen der christlichen Gesprächskultur ist damit getan und viele weitere werden folgen, um die Glut unter der Asche neu zu entfachen.

Lesen Sie hier den Vortrag von Dr. Gunnar Garleff

 
Karin Wilke
Pressereferentin EkiHD
Quelle: Karin Wilke