Heidelberg, 18.06.2021. Dr. Fabian Kliesch ist Pfarrer der Bonhoeffer-Gemeinde in Kirchheim. Zusammen mit seinen Konfirmanden, der Gemeindepraktikantin Lara Sattler, Theologiestudierenden und weiteren Beteiligten hat er für Sonntag, 20. Juni, einen „Queer-Gottesdienst“ organisiert, der sich den Belangen der LGBTQ-Community (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Queer; deutsch: lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer) widmet. Anlass ist der „Pride Month“ – ein Monat, in dem der Respekt gegenüber allen geschlechtlichen Orientierungen in der Öffentlichkeit gefordert und gefeiert wird. Im RNZ-Interview erzählt Pfarrer Kliesch, wie die Idee zu diesem Gottesdienst entstand, welche Reaktionen er darauf bekam und was die Bibel zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften sagt.
Das kam durch Lara Sattler, eine ehemalige Konfirmandin, die nach ihrem Abitur ein Praktikum in unserer Gemeinde macht. Sie kommt selbst aus der LGBTQ-Community, und dort gibt es viele, die schlechte Erfahrungen mit Religion und Kirche gemacht haben, weil sie Ablehnung erfahren haben. Sie hat mich nach meiner Einstellung dazu gefragt, und so kamen wir auf das Thema.
Und was haben Sie geantwortet?
Durch die Frage ist mir aufgefallen: In meinem privaten Umfeld gehört es ganz selbstverständlich dazu, ich habe Freunde, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder in Regenbogenfamilien leben. Beruflich ist das aber noch überhaupt nicht explizit aufgetaucht, außer dass ich bei Familienfesten, Beerdigungen, Taufen oder Hochzeiten auf Menschen treffe, die gleichgeschlechtlich leben. Oft gibt es eine Hemmschwelle, ins Gespräch zu kommen, und zwar von beiden Seiten. In meinem privaten Umfeld habe ich diese Hemmschwelle nicht, als Pfarrer erlebe ich eine Unsicherheit – nicht mir gegenüber, aber gegenüber der Institution Kirche.
Was sagt denn die Bibel zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften?
Zunächst muss man sagen, dass die Bibel kein Buch mit einer durchgängig stringenten Theologie ist. Darum findet man darin sehr unterschiedliche Vorstellungen von Partnerschaft. Es gibt natürlich Stellen, die gleichgeschlechtliche Liebe verurteilen, aber es gibt eben auch viele Stellen, die sagen: „Gott ist die Liebe, und wo die Liebe ist, da ist Gott.“ Und da ist es nicht definiert, wie diese Liebe auszusehen hat. Es ist mein theologisches Verständnis, dass sich die Auslegung der Bibel dieser Maxime unterzuordnen hat.
Im Queer-Gottesdienst geht es um die Geschichte von Ruth und Noomi, zwei verwitwete Frauen, die durch eine tiefe Freundschaft verbunden sind.
Das ist mehr als eine reine Freundschaft. Die neuere Bibelforschung hat festgestellt, dass die Art und Weise, wie dieses Paar beschrieben wird, ganz nah an den Formulierungen liegt, wie Adam und Eva in der Schöpfungsgeschichte dargestellt werden. Auch der Austausch von Zärtlichkeiten wird beschrieben, und zwar als ganz normaler Vorgang. Mit ihrem für damalige Zeiten ungewöhnlichen Weg, den Ruth und Noomi gegangen sind – sich als Witwen eben nicht in einen Männerhaushalt zu flüchten, sondern sich gemeinsam auf den Weg zu machen –, können sie auch ein Vorbild für die heutige Zeit sein. Die Bibel ist generell voll von Geschichten über Menschen, die nicht einer vermeintlichen gesellschaftlichen Norm entsprechen.
Wie waren die Reaktionen in der Gemeinde auf die Gottesdienst-Idee?
Auf die Gottesdienst-Ankündigung hin haben sich viele Leute gemeldet, die das toll finden. Explizite Ablehnung gab es nicht – allerdings wurde die Frage gestellt, warum man das Thema überhaupt in einem Gottesdienst bearbeiten solle, schließlich gebe es doch keine Diskriminierung. Das sind Mikro-Aggressionen, die man auch aus der Rassismus-Debatte kennt, wo nicht anerkannt wird, dass man einen Ausschluss nur erkennt, wenn man Teil einer diskriminierten Community ist. Das ist bei LGBTQ genauso wie bei People of Colour: Sie berichten, dass sie an kleinen Dingen merken, dass sie nicht dazugehören, an sprachlichen Formulierungen, Blicken oder an nett gemeinten, aber völlig unsensiblen Nachfragen.
Man könnte auch fragen, warum es überhaupt einen Gottesdienst mit Schwerpunkt LGBTQ braucht und nicht einfach alle Schwestern und Brüder in gewohnter Art und Weise zusammen feiern können.
Weil es Gruppen gibt, die eine andere Perspektive auf Ausgrenzung haben als die Mehrheitsgesellschaft – das muss sichtbar gemacht werden. Und es braucht einen Schub nach vorne, damit Menschen sich öffentlich zeigen können, ohne Angst haben zu müssen. Es geht auch darum, einen sicheren Raum, einen „Safe Space“, zu schaffen, wo Menschen in Schutz genommen werden, wenn sie Anfeindungen ausgesetzt sind. Das wollen wir als Gemeinde sein. Ich kann dabei natürlich nicht für alle unsere 4900 Gemeindemitglieder sprechen – aber ich als Person und viele der in der Gemeinde engagierten Menschen stehen dahinter.
Info: Der Gottesdienst findet am Sonntag, 20. Juni, um 10 Uhr in der Petruskirche, Hegenichstraße 13, statt. In Präsenz können 60 Personen teilnehmen, der Gottesdienst wird außerdem im Internet übertragen.
Anmeldung: https://bonhoeffergemeinde.church-events.de.
Digitale Teilnahme: https://bonhoeffergemeinde.webex.com/meet/bonhoeffergemeinde.



