Seit 1999 ist Birgit Wasserbäch in der Seelsorge für die Evangelischen Kirche in Heidelberg unterwegs. Zunächst 10 Jahre als Gemeindepfarrerin im Emmertsgrund, davon 6 Jahre auch als Vakanzvertretung auf dem Boxberg. 2009 tauschte sie das Amt als Gemeindepfarrerin mit dem der Klinikseelsorgerin: mit einem halben Deputat in der Medizinischen Klinik V und der anderen Hälfte am St. Vincentiuskrankenhaus. Von dort wechselte sie 2017 mit einer halben Stelle an die Thoraxklinik, wo sie nun am 13. Oktober in einem Gottesdienst durch den Dekan feierlich aus ihrer 22jährigen Amtszeit in Heidelberg entlassen wird.
So lebendig, wie die geborene Markgräflerin im Gespräch mit Karin Wilke über ihre Zeit in Heidelberg wirkt, so bewegt ist auch ihr berufliches Leben. Neben dem Pfarramt nimmt sie über die Stadtgrenzen hinaus etliche weitere Aufgaben wahr: So ist sie als Notfallseelsorgerin bei der Johanniter Auslandshilfe engagiert, der letzte Einsatzort war 2015 Haiti. Im EOK ist sie Mitglied im Vertrauensrat der Kranken-Kur-Reha-Seelsorgenden. Ebenso in der Klinischen Ethikkommission, in dieser Funktion ist sie auch stellvertretendes Mitglied der Landesärztekommission. „Ach was, ein ganz kleines Licht bin ich dort“, versucht sie ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Wer sie kennt, weiß, dass sie weit sie über diesen hinaus leuchtet.
KW: Was waren besondere Herausforderungen im Klinikalltag?
Pfarrerin sein im säkularen Umfeld wie an einem Uniklinikum ist eine Herausforderung. Patienten und Patientinnen kommen aus allen Milieus, sind mehr oder weniger religiös und spirituell unterwegs. Kommunikation ist das wichtigste Handwerkzeug, oft müssen wir auf die Menschen zugehen, Ängste und Vorurteile abbauen.
Kontinuierliche Fortbildungen sind notwendig, damit man fachlich auf hohem Niveau arbeiten kann. Wir Seelsorgende haben alle eine zusätzliche Ausbildung wie die Klinische Krankenhausseelsorgeausbildung oder eine mehrjährige Pastoral-Psychologische Fortbildung absolviert. Ich bin zusätzlich Psychoonkologin und Ethikberaterin im Gesundheitswesen und habe eine Palliativseelsorge-Ausbildung. Während der letzten 12 Jahre war ich mit Schwerpunkt auf Stationen, auf denen Schwerstkranke und sterbenskranke Menschen medizinisch betreut werden. Um sich mit Fragen von Leben und Tod tagtäglich zu beschäftigen, waren mir die Fortbildungen eine große Hilfe, herausfordernd war trotzdem die Verarbeitung.
Manchmal sind auf einer Station mehrere schwierige Krankheitsverläufe vorhanden: Junge Patientinnen oder Patienten, Mütter oder Väter von kleinen Kindern, schnell verlaufende Erkrankungen, wesensveränderte Menschen – für das Pflegepersonal, die Ärzteschaft, aber auch für Physiotherapeuten und Reinigungsfrauen schwer zu verfolgen. Auch uns Seelsorgende bringt dies an Grenzen, Grenzen auch am eigenen Glauben. Ganz praktisch: Manche Lieder kann ich kaum mehr singen, EG 398 „In dir ist Freude in allem Leide“ – das geht für mich nicht mehr. Die Worte „kämpfen“ und „leicht“ habe ich mir abgewöhnt, denn beim Sterben geht es nicht um Sieg oder Niederlage – und leicht, das ist es auch nicht.
Herausfordernd waren manche Gespräche mit Angehörigen: Wenn Krankheit sofort beendet werden soll, wenn der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe geäußert wurde im Beisein sterbenskranker Menschen, dann war das für mich auch die Zeit, Stellung zu beziehen: Aktive Sterbehilfe ist verboten. Es gibt, Gott sei Dank, eine Palliativmedizin, die viel kann – nicht alles, auch das ist mir klar – aber die ein würdiges Sterben ermöglicht mit Begleitung.
KW: Wie sehr hat Corona die letzten zwei Jahre als Klinikseelsorgerin geprägt?
Als keine Angehörigen mehr in die Klinik durften, war ich als Gesprächspartnerin gerne gesehen. Ich habe versucht, Mails, die ich von Angehörigen bekam, auf den Intensivstationen vorzulesen, habe begleitet, war vor Ort. Wie so viele meiner evangelischen und katholischen Kollegen und Kolleginnen auch. Es hat mich geärgert, wenn ich Vorwürfe hörte wie: „Wo ist die Kirche in Coronazeiten?“
Herausfordernd war für mich, die Einsamkeit, unter der viele Patienten trotz Skypen und Telefonieren litten. Es ist doch etwas anderes, ob ein Mensch gegenübersitzt. Ganz deutlich wurde es mir, als das Klinikum wieder für einen Besucher am Tag für eine Stunde den Einlass zuließ. Die lange Schlange von Besuchern mit Blumen, kleinen eingepackten Geschenken, voller Vorfreude – das war für mich ein Moment, wo auch ich ins Schlucken kam.
KW: Was waren bleibende, schöne Erlebnisse und Eindrücke?
Da gibt es so Vieles: Trauungen, die wir vorbereitet und durchgeführt haben mit allem was dazu gehört: Vom Schmücken des Zimmers, über Pflegepersonal, das geholfen hat, bis hin zu den Ärzten, die im Notfall bereitstanden. Lustige Begebenheiten, wenn ich versehentlich im falschen Zimmer gelandet bin und es sich herausgestellt hat, dass ich dort gerade wichtig war für ein Gespräch.
Glücklich verlaufende medizinische Betreuungen, wenn Patienten wieder so etwas wie einen Alltag zu Hause erleben dürfen. Langjährige Begleitungen, die auch nach einem Klinikaufenthalt bestehen bleiben. Gelungene Gespräche, bei denen ich das Gefühl hatte, da konnte ich an den Fragen der Gesprächspartner weiterarbeiten. Begleitung auch bei Sterbenden, die allein vor Ort waren. Ruhiges, schmerzfreies Sterben und der Gedanke, dass palliative Versorgung einfach ein Segen ist. Briefe, die ich im Nachhinein bekommen habe von Angehörigen, die sich bedankt haben für eine Sterbebegleitung.
Klinikseelsorge ist für mich eine sinnerfüllende Tätigkeit, ich arbeite gerne im Klinikum. Es gibt sehr tiefgehende Gespräche über Gott und die Welt. Es gibt so viel Dankbarkeit auch im Hinblick auf das gelebte Leben, auf Menschen, die einem gut getan haben. Wenn Menschen Bilanz ziehen und Dankbarkeit ausgesprochen wird im Angesicht von Leid, der Angst vor dem, was noch auf einen zukommen kann, dann sind das Gespräche, die mir noch nach Jahren im Gedächtnis bleiben. Abschiedlich leben, vom Sterben anderer lernen – da hofft man dann für sich selbst, dass einem das mal so gelingen mag. Manche Patienten und Patientinnen sind da Vorbilder.
Schön ist für mich auch das Miteinander der Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken vor Ort: Andreas Hasenkamp in der Medizinischen Klinik V und das „Dreamteam“ in der Thoraxklinik, Andreas Schlögel und Christian Hess. "Meine Männer" werde ich vermissen.
KW: Welche persönlichen Veränderungen hat der Beruf mit sich gebracht?
Ich habe eigene Schwerpunkte für mein Leben setzen gelernt. Was ist wichtig im Leben, was nicht? Was liegt oben auf, was nicht. Das Leben kann sich so schnell verändern und so schnell zu Ende sein. Ich schiebe natürlich noch einiges auf, aber ich versuche im Hier und Jetzt zu leben, mit anderen möglichst in Frieden.
Ich wurde öfters gefragt, wie ich das selbst aushalte mit so viel Leid, Sterben und Tod umzugehen. Wo schwere Arbeit zu leisten ist, muss es gut harmonieren. Hier sind mir meine Kollegen, mein Team eine große Stütze, wir können uns über all das Schwere austauschen und uns gegenseitig stützen und vertreten. Dazu sind wir von unserer Landeskirche ausgebildet worden, wofür ich sehr dankbar bin. Das soziale Umfeld ist für mich wichtig und natürlich auch ein Glaube, für den der Tod nicht das Letzte ist, was wir zu erwarten haben.
KW: Was werden Sie an Heidelberg vermissen, mit welchen Gefühlen blicken Sie Ihrer nächsten beruflichen Etappe in Freiburg entgegen?
Die Fahrt ins Klinikum über den Neckar, den Blick aufs Schloss werde ich vermissen. Freunde, die hier und in der Umgebung wohnen. Nach 12 Jahren haben sich natürlich Kontakte entwickelt und Freundschaften, die weiter bestehen bleiben. Und Vernetzungsmöglichkeiten, diese zu nutzen war hier in Heidelberg und Umgebung sehr einfach.
Ich freue mich, wenn der Umzug nach Freiburg hinter mir liegt und wir dort vieles wiedergefunden haben. Auf einen Arbeitsplatz an einem neuen Ort, auf die neuen Kolleginnen und Kollegen, auf das neue Umfeld, in das ich mich wieder neu einarbeiten kann. Es wird spannend! Ich komme aus Südbaden, bin des Alemannischen kundig und kehre in meine Heimat zurück. Dort gibt es Familie und Freunde vor Ort. Die Vorfreude steigt!





